Es scheint fast so, als stünde die Heavy-Metal-Welt still, wenn ein neues Metallica-Album in den Startlöchern steht. Ist die immense Marketingmaschinerie erst einmal in Gang gebracht, gibt es kaum ein anderes Thema in der Szene. Unterführungen werden mit Plakaten zugekleistert, Plattenläden ausstaffiert, Titelseiten reserviert, selten benutzte Superlative schon einmal vorsorglich auf den Schreibtisch gepackt. Und dann liegt sie plötzlich vor einem: "Hardwired... To Self-Destruct", die erste ausgewachsene Schöpfung der Titanen seit "Death Magnetic" (2008).

In den letzten Jahren drohte der einprägsame Schriftzug der Legenden mehr und mehr zu verblassen. Zu gut schlugen sich Mammutkollegen wie Iron Maiden, zu schlecht kamen die eigenen Aktionen an. Sogar als Werbeträger für die Modemarke Brioni posierten Metallica. Typen, deren Aufnäher und T-Shirts eine ganze Generation von wütenden Jugendlichen zierten, liefen plötzlich in sündhaft teuren Anzügen rum. Es ist nicht die Frage, ob sich der Durchschnittshörer diese leisten kann. Sondern ob er sie sich leisten will. Aber Metallica wären nicht Metallica, wenn sie nicht selbst aus dieser Nummer rauskommen würden.

Kaum ist das erste Staccato-Riff des Titelsongs eingeatmet, kaum die erste wütende Textzeile von James Hetfield ausgespuckt, denkt niemand mehr an das Wirtschaftsunternehmen hinter den Menschen. Sondern an alles, für das die Herren seit 35 Jahren geliebt werden.

Die Zeiten von "Kill' Em All" (1983) und "Master Of Puppets" (1986) sind lange vorbei. Ein Erdbeben werden Metallica nicht mehr verursachen, da hilft alles Marketing nicht. "Hardwired... To Self-Destruct" besitzt jedoch mehr als nur ein Daseinsrecht. Songs wie das thematisch an den Geniestreich "One" erinnernde "Confusion", "Moth Into Flame" oder der Abschlussthrasher "Spit Out The Bone" ballern dem Nachwuchs eine Lehrstunde an die Backe und zaubern dem Metaller ein Dauergrinsen ins Gesicht.

Ist das auf zwei Vinyl aufgeteilte Werk also eine Sensation? Nein. Nicht einmal im Ansatz. Weil die ganze Sache erneut einen Tick zu lang ausgefallen ist, die eigene Vergangenheit weiterhin als Hauptquelle dient und einige Stücke - darunter die mit Motörhead-Zitaten gespickte Lemmy-Huldigung "Murder One" - leider abfallen. Aber es ist ein verdammt wichtiges Album aus dem Hause einer verdammt wichtigen Band. Sie können es immer noch, wenngleich sie diesmal nicht ganz so sehr aufs Gaspedal treten. Bleibt am Ende nur ein Appell: Bitte nicht im Brioni-Anzug auf die Bühne gehen. Wobei: Selbst das würden wir Metallica nach diesem Album verzeihen.

Quelle: Mittelbayrische